"Der Rechte Rand" Nr.42 Sep./Okt 96 Seite 20 Leserinnenreaktionen

Aus Inrur

Annegret Stopczyk

Astrid Kirchhof 'Leib'-Philosophie und New Age - Grundbausteine des Feminismus?
in "Der Rechte Rand" Nr.41 Juli/August '96 Seite 15/16

Leserinnenreaktionen
In Heft 41 des Rechten Randes veröffentlichten wir einen Artikel von Astrid Kirchhof über die feministische Philosophin Annegret Stopczyk.
Mehrere - z.T. empörte - Leserinnenbriefe wurden uns zugesandt, die wir auf dieser Seite z.T. gekürzt wiedergeben.
Um Mißverständnissen vorzubeugen, vorab einige kurze Anmerkungen zum Selbstverständnis des Rechten Randes: Die Zeitschrift „Der Rechte Rand" verstand und versteht sich als Diskussionsmedium für die antifaschistische Bewegung.
Da sich „Der Rechte Rand" als strömungsübergreifend versteht und keiner einzelnen Organisation oder Partei zuzurechnen ist (siehe dazu auch unsere Rubrik ECHO, Seite 16) besteht auch weiterhin die Möglichkeit, über den Beitrag von Astrid Kirchhof über Annegret Stopczyk zu diskutieren.
Den für dieses Heft angekündigten Beitrag über Otto Weininger haben wir zugunsten dieser Diskussion verschoben.

Inquisitorisch niedergemacht
In der zuletzt erschienenen Nummer Ihrer Zeitschrift wird meine philosophische Arbeit und mein zuletzt erschienenes Buch von Astrid Kirchhof besprochen und somit als „Rechter Rand" stigmatitiert.
Ich werde darin nicht nur gefälscht zitiert, sondern die Autorin scheint die übliche Unkenntnis männlicher Redakteure über theoretische Positionen zur Patriarchatskritik dazu zu benutzen, meine Arbeit mit dem Stempel „rechtes faschistisches Lager" politisch zu kriminalisieren.
Sie feiert einen eurozentrischen Rationalismus, der schon seit über 200 Jahren per imperialistischer Politik den anderen Kulturen („primitive Naturvölker") das richtige Denken mit Gewehren und Zwangskrediten aufzuzwingen pflegt.
Unter dem Decknamen "Feminismus" und "Antifaschismus" wird es in Ihrer Zeitschrift möglich, rassistischen Geist zu verbreiten.
Wenn ich „Rechter Rand" sei, dann gehören auch folgende, in meinem Buch erwähnte Personen, dazu: Die antifaschistisch arbeitende Philosophin Hannah Arendt, die als Erste eine Philosophie der Geburtlichkeit andachte.
Die herrschaftskritischen Philosophen Adorno und Horkheimer, die ebenso wie ich eine Gradwanderung zwischen Mythos und Aufklärung zu denken wagten und eine Vernunftkritik lieferten, mit der sie extreme Vernunftvarianten auch im Faschismus enttarnten.
Und „Der Rechte Rand" Marx und Engels gehört auch in diese Aufstellung, denn sie gingen so selbstverständlich von einer Matriarchatsgeschichte vor unserer patriarchalen Geschichte aus, wie es bei mir, entgegen der Behauptung in Ihrem Artikel, nirgendwo zu finden ist.
Im Stile von McCarthy-Ausschüssen wird hier inquisitorisch niedergemacht, was nicht in den eigenen ideologischen Kram paßt.
Eine irgendwie rational nachvollziehbare Auseinandersetzung mit meiner philosophischen Arbeit sind diese zwei Seiten in Ihrer Zeitschrift jedenfalls nicht, schade um die Druckerschwärze.
Ich kann Ihnen und Ihren Leserinnen und Lesern nur empfehlen, mein Buch selber zu lesen.
Ich verspreche Ihnen: Sie werden erstaunt feststellen, daß es nicht dasselbe Buch gewesen sein kann, von dem die Autorin behauptet, es gelesen zu haben.
Annegret Stopczyk

Moderner Scheiterhaufen?
Die Art und Weise wie die Rezensentin vorgeht, ist höchst problematisch - sie greift sich einen Satz heraus und anstatt auf den Satz einzugehen, koppelt sie ihn mit einem Thema, das kaum mit Stopczyks Ausführungen zu tun hat.
Es ist noch nicht einmal so, als ob Äpfel mit Birnen verglichen werden sollen, sondern Äpfel und Algen, weil beide mit dem Buchstaben A beginnen. So praktiziert auf S. 16 oben der Rezension zum Thema Naturerkenntnis bei Stopczyk und dem Länger-Leben-Können durch den Fortschritt der Medizin bei Kirchhof. Des weiteren benutzt die Rezensentin diskriminierende Worte wie „biologistisch-reaktionär" ohne Belege, oder sind in ihren Ohren schon Worte wie Biologie, Gebären und Leib in sich schon biologistisch und reaktionär?
Sie behauptet, Philosophen wie Fichte, Schopenhauer und Nietzsche hätten der Autorin Beifall gezollt, ohne zu erwähnen, daß gerade diese mann- überhöhenden Denker von Annegret Stopczyk vorgeführt werden.
In diesem Zusammenhang ist auch die Beschäftigung mit Otto Weininger zu verstehen auf S. 167 des Buches (nebenbei bemerkt: Rassisten sind auch immer Frauenfeinde!), der wie Sigmund Freud und andere Wissenschaftler zu Beginn unseres Jahrhunderts zu beweisen suchte, daß der fehlende Penis bei Frauen dazu führe, daß ihnen das Schöpferische abgehe und ihr Intellekt von minderer Qualität sei.
Dürfen „Männer der Wissenschaft" nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden, wenn sie Unsinn reden? Die Philosophiegeschichte (nicht nur sie) ist mit solchen Herren-Ideen bevölkert, die an Unis und Schulen weiter gelehrt werden.
Es ist ein bekanntes Phänomen, daß sich leider immer wieder Frauen in den männer-dominierten Medien und im Wissenschaftsbetrieb finden, die dieses männliche Herrengeschwätz verteidigen, sobald andere Frauen es wagen, sich damit auseinanderzusetzen, selbständig zu denken, andere Wege zu gehen. Diese wagemutige Frauen gehören auf die modernen Scheiterhaufen, nicht wahr?
Zu Zeiten der Hexenverfolgungen gab es auch Frauen die Frauen diffamierten und den männlichen Folterern und Inquisitoren auslieferten. Ist es keine Diffamierung, wenn die Rezensentin das Stichwort „Naturvölker als Vor- bilder" herausgreift (ohne Seitenangabe) und sie mit der Klitoris-Verstümmelung an jungen Mädchen im heutigen Afrika gleichsetzt?
An dieser Stelle fragte ich mich, wer hier eigentlich „rechter Rand" ist. Da empfehle ich nur eins - selber das Buch zu lesen und die Philosophin Annegret Stopczyk zu Diskussionen einzuladen!
Gudrun Nositschka, Schriftstellerin

Gezielte, rufmordende Attacke
Mit Zorn habe ich den Text der Rezensentin des Buches „Nein, danke, ich denke selber" von A. Stopczyk gelesen.
Ich habe das Buch als ein mich berührendes Bekenntnis einer eigenwilligen Philosophin zum Leben, zu den Menschen, zu allem Lebendigen aufgenommen, ohne zu allen philosphischen Thesen der Autorin Zugang zu finden. Ungeachtet der Zustimmung oder Ablehnung eines Textes gilt das Gebot der intellektuellen Redlichkeit, dessen Min- deststandard im korrekten Zitieren, im Vermeiden des Zerreißens des gedanklichen Zusammenhangs und der Unterschlagung von Text-Stellen, die der eigenen kritischen Auseinandersetzung entgegenstehen, besteht.
Die kritische Kommentierung von Frau Kirchhof hat diese selbstverständlichen Forderungen eklatant und unseriös verletzt.
Der sorgsame Umgang mit fremden Texten ist dann besonders geboten, wenn es sich um abgelehnte Positionen handelt; anderenfalls setzt sich die Rezensentin dem Vorwurf der Manipulation und Indokrination aus.
Gegen die eingeforderte intellekuelle Sorgfalt verstößt Frau Kirchof an mehreren Stellen ihres Textes, so daß eine Absicht vermutet werden muß. (...)
Der Abdruck dieser „Auseinandersetzung" in der Zeitschrift „Der Rechte Rand" ist eine gezielte, rufmordende Attacke Annegret Stopczyk gegenüber.
Auch der Umstand, daß die Eltern von Frau Stopczyk im KZ interniert waren (S. 259 des Buches), hätte nachdenklich stimmen müssen. Solange solche destruktiven, stigmatisierenden Stellungnahmen möglich sind, ist es um eine politisch würdige Streit-Kultur unter Frauen schlecht bestellt.
Karin Weimann, Feministische Partei Die Frauen

Konstruierte Zusammenhänge
Man kann alles mißverstehen, wenn man sich nur etwas Mühe gibt. Frau Kirchhof hat sich sehr viel Mühe gegeben („'Leib'-Philosophie und New Age- Grundbausteine des Feminismus?" in: Der Rechte Rand Nr. 41). Darüber ließe sich achselzuckend hinweggehen, wenn es sich lediglich um einen Buch-Verriß handeln würde.
„Der Rechte Rand" will jedoch vor rechten und faschistischen Entwicklungen warnen.
Wer diesen moralischen Anspruch hat, muß sich gefallen lassen, daß an ihn strengere Kriterien angelegt werden, als an eine bunte Illustrierte.
Näherhin: es darf erwartet werden, daß Zusammenhänge und Verbindungen aufgedeckt, nicht aber, daß solche konstruiert werden.
Ich kenne Frau Slopczyk aus der gemeinsamen Arbeit um L-E-R und ich habe ihr Buch „Nein danke , ich denke selber" gern und mit Gewinn gelesen.
Die Konstruktionen von Frau Kirchhof sind von einer Qualität, daß ich mich veranlaßt sehe, vorbeugend mitzuteilen:
Aus der Tatsache, daß ich 1988 denselben Zug wie ein bekannter Neonazi benutzte, sollten weder voreilige Schlüs- se über meinen politischen Standort gezogen werden, noch erscheint es angebracht, den Schienenverkehr als faschistoide Form der Fortbewegung zu deklarieren.
Wenn „antifaschistische" Wächterinnen es an handwerklicher Sorgfalt, Toleranz und Gelassenheit gegenüber anderen Denkansätzen fehlen las- sen, dann reihen sie sich selbst ein in die Riege der paranoiden Inquisitoren, McCarthyanisten, Fundamentalisten und was es sonst alles an Besitzern der reinen Lehre gibt. Auch ein Zeitschriftenartikel kann zum Baseball-Schläger werden zum Zwecke des Abklatschens unliebsamer Elemente. (...)
Ursula Neumann, Bundesvorstandsmitglied der Humanistischen Union