Margret Nickel

Aus Inrur

Holocaust/Shoa-Leugner

2012

Nordhessen Rechtsextreme
Geehrte Rechtsextremistin,
von Carsten Meyer und Julian Feldmann,
Frankfurter Rundschau 11. September 2012

Es läuft nicht alles rund in Sachen Demokratie in Nordhessen. Foto: dpa

Eine 68-jährige Nordhessin vertreibt seit Jahren
Schriften rechter Gruppen und Institutionen und engagiert sich im Krankenpflegeverein.
Die Trägerin des Ehrenbriefs des Landes Hessen organisiert auch Treffen mit Holocaust-Leugnern.

Margret Nickel ist in Wahlsburg-Lippoldsberg, einem kleinen Ort nördlich von Kassel, wohlbekannt.
Im Vorstand der Häuslichen Krankenpflege führt sie die Finanzen
und hat vor elf Jahren sogar den Ehrenbrief des Landes Hessen für ihre ehrenamtliche Tätigkeit erhalten.
Hinter der bürgerlichen Fassade verbirgt sich jedoch eine rechte Aktivistin.
In ihrer Klosterhaus-Buchhandlung mit angeschlossenem Verlag vertreibt die 68-Jährige rechtsextreme Literatur.
Deshalb soll sie die Ehrung jetzt verlieren.

Nickels Geschäft befindet sich im ehemaligen Kloster von Lippoldsberg.
Der Publizist Hans Grimm, dessen 1926 erschienener Roman „Volk ohne Raum“
später zum Motto der nationalsozialistischen Expansionspolitik wurde, residierte einst dort.
Übernommen hatte Nickel den Betrieb 2008 von Holle Grimm, der Tochter des Schriftstellers.
Sie teilte die politischen Überzeugungen ihres Vaters
und war Gründungsvorsitzende der Häuslichen Krankenpflege in Wahlsburg.
Dort sitzt Nickel heute im geschäftsführenden Vorstand.
Zudem hat der Verein Räumlichkeiten in der Buchhandlung angemietet, firmiert unter derselben Adresse.

seitlicher Infokasten

Braunes Netzwerk
Die „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP) mit Sitz in München
ist mit mehr als 500 Mitgliedern die wichtigste rechtsextreme Kulturvereinigung.
Vor allem Buchhändler, Verleger und Schriftsteller gehören ihr an.

Die GfP versteht sich selbst als „Dachverband der Verlage und Autoren,
die sich der Meinungsfreiheit verschrieben haben“.
Zu dieser „Meinungsfreiheit“ zählt die „Gesellschaft“,
die 1960 von ehemaligen SS- und NSDAP-Funktionären gegründet wurde,
vor allem die Verbreitung von revisionistischem Gedankengut, sagen Verfassungsschützer.

Margret Nickel engagiert sich bei der „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP).
Der Verfassungsschutz beobachtet sie als größte rechtsextreme Kulturvereinigung.
Bereits Holle Grimm war dort aktiv.
Regelmäßig lädt Nickel zu Vortragsveranstaltungen des örtlichen GfP-„Arbeitskreises“.
An einem dieser Treffen nahmen 2009 Bernhard Schaub und Ursula Haverbeck-Wetzel teil.
Die beiden Holocaust-Leugner gehörten einem inzwischen verbotenen Vereinsgeflecht an,
das antisemitische Propaganda verbreitete
und den Nationalsozialismus verherrlichte.
Für die 83-jährige Haverbeck-Wetzel
richtete Nickel ein Spendenkonto in Kassel ein,
das auf Neonazi-Webseiten beworben wurde.

Bei einer „Verlegertagung“ in Wahlsburg-Lippoldsberg
war vor drei Jahren die Hamburger Rechtsanwältin Gisela Pahl zu Gast,
die als Initiatorin des „Deutschen Rechtsbüros“ gilt.
Diese braune Rechtsberatung gab unter anderem die Publikation „Mäxchen Treuherz: Rechtsratgeber“ heraus,
die als „hilfreicher Ratgeber“ für „nationale Aktivisten“ beworben wurde – erhältlich über Nickels Versandhandel.

Strafrechtlich bekannt
Auch strafrechtlich ist Nickel einschlägig in Erscheinung getreten:
Weil sie eine den Holocaust leugnende Broschüre verbreitet hatte,
wurde sie im vergangenen Jahr wegen Volksverhetzung
zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 40 Euro verurteilt.
Geschrieben hatte das Heft Haverbeck-Wetzel, die deswegen vom Landgericht München eine Bewährungsstrafe bekam.
In dem Heft hieß es laut Anklage: „Den Holocaust gibt es gar nicht.
Das ist so etwas wie der Weihnachtsmann oder der Osterhase für Erwachsene.“
Vor einigen Monaten durchsuchte die Polizei erneut den Buchladen.
Der Grund: Nickel hatte eine Publikation verbreitet,
in der die Massenerschießungen im ukrainischen Babyn Jar 1941 geleugnet werden,
bei denen mehr als 33.000 Juden ermordet worden waren.

Nach einem Bericht des HR-Magazins „defacto“ über Nickels Umtriebe
dringt die Landesregierung nun auf eine Aberkennung des Ehrenbriefes.
Die Staatskanzlei forderte nach einem Vorstoß der Grünen-Landtagsfraktion
den Landkreis Kassel per Brief auf, ein Verfahren zum Widerruf der Auszeichnung einzuleiten.
Kandidaten für den Ehrenbrief des Landes wählen seit 1998 die Kreise aus.
Der Landkreis Kassel hat bereits angekündigt, der Aufforderung nachkommen zu wollen.

Diakonie ist besorgt
Die Diakonie, in der die Häusliche Krankenpflege Mitglied ist, sieht die Situation mit Sorge.
Das Diakonische Werk in Kurhessen-Waldeck wirke darauf hin, „dass es zu einer grundlegenden Entflechtung von Buchhandlung und Pflegeverein kommt“, sagt dessen Sprecher Eckhard Lieberknecht.
Auch der örtliche Kirchenvorstand dringt auf eine klare Trennung des Pflegedienstes von der Rechtsextremistin.

Die Häusliche Krankenpflege distanziert sich von der Gesinnung Nickels.
„Wir haben nichts mit der Ideologie zu tun“, sagt die Vorsitzende Ellen Fricke auf Anfrage.
Anfang Oktober soll über die Causa Nickel im Vorstand diskutiert werden.

Unrühmliche Tradition
Klosterhof: Junge Grimm-Generation distanziert sich vom rechten Spuk

Von Gerd Henke HNA 06.09.12 10:36

In der Kritik: Der Klosterhausverlag existierte viele Jahre
Im Klosterhaus in Lippoldsberg, wo Hans Grimm vor gut 90 Jahren seinen umstrittenen Roman Volk ohne Raum (im Bild eine frühe Ausgabe) schrieb.
Heute distanziert sich seine Familie von den Werken.

Lippoldsberg. Der Klosterhof in Lippoldsberg hat eine jahrzehntelange unrühmliche Tradition.
Bereits zu Lebzeiten Hans Grimms und auch nach seinem Tod im Jahr 1959
entwickelte sich das Anwesen alljährlich zu einem Treffpunkt nationalsozialistisch gesinnter Kreise.

Bis in die 80er Jahre hinein fanden dort die von Holle Grimm fortgeführten „Lippoldsberger Dichtertreffen“ statt.
Bei diesen Veranstaltungen sei Hans Grimm und der Nazi-Ideologie gehuldigt worden,
erinnert sich Iris Resch-Grimm, deren Ehemann Bernd ein Enkel von Hans Grimm ist.

Lebensunterhalt verdient

Die junge Generation der Grimms habe nichts gegen dieses Treiben von Holle Grimm unternehmen können, sagt Iris Resch-Grimm.
Zum einen, weil es die Tochter Hans Grimms
auch nach dem Krieg nicht geschafft habe,
„umzusteuern“ und sich vom nationalsozialistischen Unrechtsstaat loszusagen.
Zum anderen, weil die alte Frau mit Verlag und Buchhandel ihren Lebensunterhalt verdiente.

Doch als Holle Grimm 2008 mit einer Demenz ins Altersheim gekommen war,
„hat für die junge Grimm-Generation der große Kehraus begonnen“.
Buchladen und Verlag wurden aufgelöst.
Und als Holle Grimm 2009 verstarb, sei die Beisetzung heimlich und ohne Trauerfeier abgehalten worden.
„Ein Erscheinen der rechtsradikalen Szene
wollten wir unter allen Umständen vermeiden“, sagt Iris Resch-Grimm.
„Wir gingen davon aus, dass der rechte Spuk endgültig vorbei war.“

Doch es sei anders gekommen.
Denn Margret Nickel, die zwei Jahrzehnte Sekretärin von Holle gewesen sei,
habe im anderen Flügel des Klosterhofes Verlag und Buchhandel weitergeführt.

Leckerbissen Kundenliste

Nickel fühle sich offenbar dazu berufen, dort als einzige -
„entgegen der undankbaren jungen Grimm-Generation“ -
das Andenken Hans Grimms hochzuhalten
und seine Werke weiter anzubieten.
Iris Resch-Grimm ist sicher,
dass „die Kundenliste der Buchhandlung ein Leckerbissen für den Verfassungsschutz sein dürfte“.
Für die heutige Familie Grimm,
einige Mitglieder wohnen noch im Klosterhof -
sei die Tatsache, dass „das braune Treiben dort weitergeht“, eine große Belastung.
Die Ehefrau des Grimm-Enkels empört zudem,
„wie der Bürgermeister sich verhält“.
Dass sich im Rathaus und auch im Ort kein Widerstand gegen diese Buchhandlung rührt,
sei ein Skandal, sagt Iris Resch-Grimm.